Dienstag, 16. Januar 2018

Über Ähnlichkeiten und Unterschiede im Erleben einer gemeinsamen Tanda

Dieses Thema begleitet mich nun schon etwas länger und ich habe immer noch Fragen. Nun ist so ein Blog eine tolle Umgebung um Gedanken einmal zu formulieren und zur Diskussion zu stellen. Zum einen hilft das Verfassen eines Blogbeitrags noch einmal die eigenen Überlegungen zu strukturieren, zum anderen ergeben sich häufig durch manch kluge Kommentare neue interessante Denkansätze.

Es geht um das Erleben einer gemeinsamen Tanda. In diesem Artikel möchte ich meine Überlegungen einmal zur Diskussion stellen. Ist das Erleben einer gemeinsamen Tanda im Tango für beide Tanzpartner eigentlich weitgehend ähnlich oder doch regelmäßig unterschiedlich? Aber vielleicht erzähle ich einfach einmal von verschiedenen Begebenheiten des letzten Jahres.



Es ist vielleicht drei oder vier Monate her. Anlässlich eines Tango-Wochenendes tanzte ich eine Biagi-Vals-Tanda mit Tanguera A, die eigentlich ein paar Etagen über meinem Niveau tanzt. Nach der Tanda bedankte sie sich überschwänglich und betonte, wie gut es ihr gefallen habe. Ich habe das zunächst einmal unter Höflichkeit gebucht und mir keine weiteren Gedanken gemacht. Zwei Tage später erwähnte sie in einem Gespräch noch einmal diese Vals-Tanda und betonte erneut, wie gut ihr das Tanzen gefallen hat. Nun kam ich ins Grübeln. Ich hatte nämlich eine andere Wahrnehmung. Ich fand die Tanda schon sehr schön, aber ich fand sie nicht überragend. Wir hatten im Sommer bei einem anderen Tango Wochenende eine gemeinsame Tango-Tanda (später di Sarli – instrumental) und die fand ich wiederum außergewöhnlich. Jedenfalls ist mir diese Tango-Tanda viel stärker in Erinnerung geblieben als die Vals-Tanda.
Nun ist ja regelmäßig im Tango kaum Raum, solche Dinge auszusprechen und zu erörtern (es soll ja tatsächlich Tänzer geben, die mit dem letzten Akkord einer Tanda sofort die Frage stellen: „Und? Wie war ich?“ – ich kann und will das nicht). Dieses Mal ergab sich die Gelegenheit, einmal nachzufragen. Da der Moment günstig war, sprach ich die Tanguera vorsichtig auf meine Beobachtungen an und erwähnte die gemeinsame di-Sarli-Tanda im Frühsommer. Interessanterweise konnte sie sich an diese Tanda, die nur einige Wochen zurück lag, gar nicht mehr erinnern. Das lässt darauf schließen, diese Tanda hat sie nun nicht so schön oder stimmig erlebt. Mit anderen Worten: Wir haben jeweils zwei Tandas ziemlich unterschiedlich erlebt.

Aber darf man eigentlich davon ausgehen, dass es – zumindest manchmal – ein ähnliches Erleben einer gemeinsamen Tanda gibt? Ich bin da unentschlossen. Natürlich gibt es diese stille Übereinkunft am Ende einer schönen Tanda. Das wird – so jedenfalls meine Beobachtungen – meistens nicht einmal ausgesprochen. Wenn eine Tanda besonders gelungen ist, dann merkt man es im Regelfall selbst und man bekommt auch im Moment des Auseinandergehens mit, ob es die Partnerin (bzw. ggf. der Partner) ebenso empfunden hat. Vielleicht erzähle ich an dieser Stelle von Tanguera B. Im letzten Sommer tanzte ich mit ihr eine Caló/Iriarte-Tanda. Es fing – wie eigentlich immer bei mir – unspektakulär an. Ich bin zu Beginn jeder Tanda eher defensiv und versuche die Bedürfnisse meiner Tanzpartnerin zu erspüren. Ich synchronisiere mich zunächst über das einfache Gehen. Erst danach baue ich einmal einen Ocho oder ein vollständig geführtes Kreuz ein. Nach dem ersten Titel der Tanda bot ich ihr an, die Umarmung zu lösen. Tanguera B wollte dies offensichtlich nicht. Sie bliebt wie selbstverständlich in der Umarmung (und hielt dies die gesamte Tanda durch). Am Ende der Tanda blieb sie auch für einige Momente regungslos in der Umarmung stehen. ich merkte, wie wir synchron ein paar Mal Luft holten und wieder ausatmeten. Mit einem flüchtigen Kuss beendete sie die gemeinsame Tanda und das war es dann. Jedes Wort wäre zuviel gewesen. Nach dieser Begebenheit haben wir noch zwei weitere Tandas einige Wochen später getanzt. Davon fühlte sich eine Tanda ebenso spektakulär an, eine weitere Tanda war sehr schön, aber für mein Empfinden etwas ruckelig (es gab zwei Helikopter-Tänzer vor und hinter uns).

An dieser Stelle schreibe ich dann vielleicht noch über meine (höchst subjektive) Angst vor einer zweiten Tanda mit einer Tanguera in derselben Milonga: Wenn es besonders schön war, dann habe ich eine kaum beschreibbare Angst, diese Tanda durch ein zweite, möglicherweise nicht ganz so innige Tanda zu relativieren. Deswegen tanze ich fast durchgängig mit einer Tanguera genau eine Tanda in einer Milonga (meine Partnerin ist da eine Ausnahme, mit ihr tanze ich immer die erste und letzte Tanda jeder Milonga – wir eröffnen und beenden jede Milonga, die wir besuchen, gemeinsam).

Und gibt es auch den umgekehrten Fall? Ja, auch davon kann ich berichten. Vor ein paar Monaten tanzte ich mit Tanguera C, mit der ich vielleicht vor drei oder vier Jahren eine super-schöne OTV-Tanda getanzt habe. Wir haben leider nicht so richtig wieder zusammengefunden. Irgendwie hat sich ein synchroner Dialog nicht einstellen wollen. Auch das kommt m.E. vor, auch dann wenn man bereits einmal sehr schön miteinander getanzt hat. Vielleicht ist das ein Teil des Reizvollen am Tango. Es ist nicht determiniert. Die Magie entsteht im Moment; weder planbar, noch vorhersehbar.

Aber welche Konsequenzen könnten sich aus den vorausgegangenen Schilderungen für ein aktiveres Feedback ergeben? Für mich ist klar, dass ich bestimmt nicht kritisiere – also einer Tanguera am Ende einer gemeinsamen Tanda erzähle, was sie nach meiner Meinung besser machen könnte. Erstens: Es ist regelmäßig nicht klar, an wem es liegt, wenn eine Tanda möglicherweise nicht so gelingt, wie sich dies beide Beteiligten erhoffen. Zweitens: Eine Kritik – oder neutraler formuliert: Ein Feedback – gehört nach meiner Überzeugung einfach nicht in die Milonga. Wenn ein Paar in einer Practica übt, ist es wohl etwas ganz anderes. Da kann man auch einmal vorschlagen, wie man es gemeinsam (!) anders probiert. Das hilft weiter.
Wenn aber Kritik unangebracht ist, dann ist für mein Empfinden ein Lob (möglicherweise auch einmal wider der eigenen Empfindung) ebenso problematisch. Für mich ist im Lauf der Jahre immer deutlicher geworden, dass Worte jenseits eines Dankeschöns oft zu viel sind.

Abschließend kann man sich natürlich die Frage stellen: Ist es überhaupt notwendig, sich über ähnliches bzw. unterschiedliches Erleben einer gemeinsamen Tanda Gedanken zu machen? Selbstverständlich liegt das nun auch wieder im Bereich der persönlichen Präferenzen. Das kann man tun, man kann es natürlich auch einfach lassen. Trotzdem hat mich die Frage nicht losgelassen. Für mich ist es wichtig. Ich bemühe mich, das Beste zu geben und eine direkte (u.U. verbale) Rückmeldung gibt es nicht. Ich bin auf meine Wahrnehmung angewiesen. Aus meiner Biografie hat sich ergeben, dass ich häufig meiner eigenen Wahrnehmung nicht so wirklich traue. Das macht einerseits den Tango zusätzlich spannend für mich, andererseits bin ich dadurch auch häufiger unsicher.

Ich freue mich über andere Ansichten, erweiternde Gedanken, Lob und Tadel in den Anmerkungen der Leserinnen und Leser.

Es gibt ein weiteres neues Tangoblog aus Berlin. Der Journalist Thomas Kröter schreibt nun auch im Internet. Er war unlängst in Buenos Aires und veröffentlicht derzeit seine Eindrücke von den dortigen Milongas. Sein Blog ist hier zu finden:


Wie bereits mehrfach geschrieben: Ich finde zusätzliche Tango-Blogs immer spannend. Deswegen gibt es hier i.d.R. auch einen Hinweis auf neue Blogs im deutschsprachigen Raum.


21 Anmerkung(en):

Thomas Kroeter hat gesagt…

vielen dank für die freundliche erwähnung, liebe cassiel. ich bin gerade dabei, mich in meinen beiträgen über b/a hinaus zubewegen. schön, dass du wieder schreibst. vielleicht können wir ja in aller altersmilde auch wieder einmal miteinander streitem

bagualita hat gesagt…

Für mich ist es die gleiche Erfahrung im Tango wie im Leben:
Wir kennen nur unsere Wirklichkeit, es ist sozusagen jedeR eine Welt für sich, unsere Wahrnehmung ist schlicht unsere. Aber dieser/meiner traue ich; ich habe ja nur diese und (dochdoch!!) sie wird, meine ich, u.a. im Tango geschult.
Im Tango begegne ich einem andern Menschen in seiner Welt. Ich gehe davon aus, dass mein Gegenüber „dasselbe“ anders erlebt. Wir gestalten gemeinsam den Moment. Und dann ist es, was es ist!

Für mich ist es wunderbar, dass wir uns im Tango gerade nicht über das Erlebte verbal austauschen müssen. Nicht in einer Milonga. Je mehr mich ein Tanz berührt hat, umso weniger. Vielleicht ist manchmal die Versuchung da, etwas Schönes mit Wörtern festzuhalten? Im Tango gehen wir aber wieder auseinander... es ist eine Liebesgeschichte von 4x3 Minuten. Und wie im Leben gibt es verschiedene Ansichten darüber, was eine „gute Liebesgeschichte“ ist. Die „Geschmäcker“ sind sozusagen verschieden: wird es witzig, innig, heftig, reibungsvoll, harmonisch, schlicht, zärtlich, verspielt.... oder? Wollen wir uns überhaupt „in Harmonie finden“ oder lieber mal in der Herausforderung? Ich staune oft und bin überrascht, was alles „lustvoll geht“! Und heute/jetzt ist nicht gestern, und ein andermal ist alles wieder anders, sogar mit dem gleichen Menschen?!

Die Portenos haben allerdings eine „schöne Sache“: las palabras dulces! Da kann man – sogar nach jedem einzelnen Tango – seinem Empfinden Ausdruck geben, grad so, wie es vom Herzen kommt. Mit einem zufriedenen Seufzer. Oder ich darf konkret sagen, was mich gerade beeindruckt oder gefreut hat. Ich war zu Beginn (als Frau) damit sehr zurückhaltend, bekam aber von den Männern viel „Wahres und Gutes“ zu hören. Eine Portena hat mich dann, auf meine Frage hin, ermuntert, auch den Männern auf diese spontane Art meine Freude zu zeigen. Freude zeigen ist etwas anderes, als ein Lob auszusprechen. Natürlich darf man auch schweigen;-)
Ah: man/frau bedankt sich auch nicht in Bs As – habe ich mir sagen lassen.


cassiel hat gesagt…

@Thomas Kroeter 

Ich bin überrascht, dass Du Dich bedankst. Eine gewisse Kollegialität unter Bloggerinnen und Bloggern finde ich selbstverständlich. Deswegen haben auch beinahe alle Blogs im deutschsprachigen Raum hier einen Hinweis bekommen.

Ich bin zwar nicht mehr ganz jung, aber wahrscheinlich noch kein Fall für „Altersmilde“. Darüber hinaus denke ich, Blogs sind kein Ort für das „Streiten“. Für mich liegt der Reiz bei Blogs im Allgemeinen in der Subjektivität der Schilderungen. Das macht doch – jedenfalls für mich – den besonderen Reiz aus. Ich wünsche Dir viel Erfolg mit Deinem Blog und schaue demnächst mal wieder vorbei.

cassiel hat gesagt…

@bagualita 

Da haben wir wohl gerade zeitgleich komentiert. :-) Vielen Dank für Deinen Kommentar.

Erbse hat gesagt…

Ich zerbreche mir den Kopf, was die Idee des Autors ist, uns diese opulenten Schilderungen unterschiedlicher Tanzerlebnisse zum Besten zu geben. Dass alles subjektiv ist? Dass wir Tagesformen unterliegen und Entwicklungen durchlaufen, die unsere Tanzerlebnisse nachhaltig beeinflussen? Alles Binsenweisheiten, für die es eines ausführlichen Beitrags mit Detailschilderungen bestimmter Tandas und Tänzerinnen nicht bedarf. Eine nicht enden wollende Umarmung, ein flüchtiger Kuss gar - Mannomann, ist das nötig? Muss der Öffentlichkeit partout auf diese brachiale Weise kundgetan werden, was für ein Könner und Connaisseur der Autor auf dem Tanzparkett ist? Zu genießen und zu schweigen, erfordert Stil. Das hier lese ich wie ein Empfehlungsschreiben in eigener Sache: Schaut her, wie glücklich ich die tollsten Frauen tanze! Und ich frage mich, wie sich wohl Tanguera A, die der Autor uns „ flüchtiger Kuss“ inklusive so detailreich vorstellt, beim Lesen fühlen mag.

cassiel hat gesagt…

@Erbse 

Offensichtlich hat Dir dieser Blogartikel überhaupt nicht gefallen. Hmmm … ich kann nicht mit jedem Text jeden Geschmack treffen. Mit den Schilderungen der Einzelfälle habe ich versucht meine Erlebnisse auf der Tanzfläche zu beschreiben, sowohl sehr schöne Momente … als auch nicht so schöne. Es geht um die Frage, ob das Empfinden einer gemeisamen Tanda überwiegend ähnlich oder doch eher unterschiedlich ist. Wie hätte ich es denn Deiner Meinung nach anders beschreiben können?
Und da ich unter Pseudonym schreibe, kann ich auch einfach anonymisiert über Erlebnisse schreiben, ohne dass auf mich bzw. meine Tanzpartnerin geschlossen werden kann. Wo siehst Du also das Problem?

bagualita hat gesagt…

...ich bin's nochmals:
Hallo Cassiel! Vielleicht könnte man "Gefässe" schaffen, mit Fokus auf das unterschiedliche Erleben? Dann sind wir wieder bei der Resonanz!? Einfaches Gehen oder einfache Figuren zu einfacher Musik – und ganz in der Wahrnehmung/Beobachtung des Geschehens sein UND dann verbal austauschen. Und hinnehmen, was das Gegenüber erlebt hat, und selber so differenziert wie es geht über das Eigene sprechen? Ohne jede Wertung...? Und staunend annehmen, was dann alles noch geschehen kann. Mir scheint, du hast eine grosse Präsenz im Tango, wenn du dich so genau an bestimmte Tandas erinnerst.
Und sonst bin ich eher der Meinung, dass man in einer Milonga und einer "guten Tanda" nicht mit Worten an den (innigen) Kern des Geschehens rühren sollte. Ich habe auch schon Wörter benutzt, um eine grosse Dichte zu banalisieren, – weil ich sie im Moment nicht aushalten konnte.

cassiel hat gesagt…

@bagualita

Vielen Dank für Dein erneutes Kommentieren. Mir ist nicht so ganz klar, was Du mit „Gefässen“ meinst und ich sehe momentan eher keine Verbindung zum Thema des letzten Artikels (über die Resonanz). Ich muss da auch keine Verbindung in meinen Gedanken herstellen. Jeder Artikel greift einen Aspekt aus dem großen Gebäude Tango Argentino heraus und versucht, einige Detailfragen zu beleuchten.
Ich bin nun schon ein paar Jahre im Tango unterwegs. Deshalb muss ich mich auch nicht über eine Tanda „austauschen“. Mein Artikel beschreibt eigentlich nur eine winzige Frage, die mich beschäftigt. Eigentlich habe ich versucht, herauszufinden, ob es anderen ebenso ergeht.

Dir und allen anderen einen schönen Tag (ich muss jetzt wieder arbeiten) …

Thomas Kroeter hat gesagt…

lieber cassiel: sich auch für "selbstverständlichkeiten" zu bedanken, hab ich x als gebot der höflichkeit gelernt. das ändert nix dran, dass ich "streit" offenbar positiver werte als du.

cassiel hat gesagt…

@Thomas Kroeter 

Ich sehe Streit nicht zwingend negativ, allerdings im Internet (im Allgemeinen) und bei Blogs (im Besonderen) finde ich das Streiten bisweilen mühsam. Blogs sind für mich zunächst persönliche Berichte. Mir ist das überhaupt nicht Recht, wenn da argumentiert wird, der Autor (oder die Autorin) würde allgemeinverbindlich sprechen. In der Vergangenheit ist das in den Anmerkungen hier so einige Male leicht aus dem Ruder gelaufen. Aber möglicherweise machst Du die Erfahrung ja auch noch mit Deinem Blog. So warten wir vielleicht gespannt, was das frische Jahr noch so bringt …

Anonym hat gesagt…

An Erbse:
Ich finde den Artikel gut und sehe parallelen mit meinen Tanda-Erfahrungen.
Ich finde es nicht gut von der Erbse mit den Worten wie " Mannomann , ist das nötig?" zu provozieren.
Cassiel schweigt und genießt, so lese ich den Text.
Ich möchte gerne mal fragen wo Erbse tanzt, denn ein flüchtiger Kuss ist in einigen Kulturkreisen nicht üblich in anderen fast Standard. Es grüßt Uwe

cassiel hat gesagt…

@Uwe 

Schön, dass Du geschrieben hast. Und ich lese es natürlich gerne, wenn es anderen ähnlich ergeht wie mir.
Vielleicht schreibe ich kurz zu Deine Zeilen an Erbse. Ich empfand das nicht als Provokation. Mir ist der Austausch von Gedanken wichtig und wenn es dann einmal etwas knackiger formuliert vorgetragen wird, dann ist es eben so. Erbse hat sich – aus welchem Grunde auch immer – offensichtlich geärgert. Mir wäre es wichtig zu erfahren, warum das so ist (auch wenn dieser Wunsch wahrscheinlich nie in Erfüllung gehen wird).
Und mir fällt gerade auf, dass die Sache mit dem flüchtigen Kuss missverstanden werden kann. Das passiert mir auch nicht in der lokalen Milonga. Es gibt aber Umgebungen (oder „Kulturkreise“ wie Du es nennst), da ist das durchaus üblich und überhaupt nicht negativ konnotiert. Vielleicht ist es nur ein nonverbaler Weg, dem Partner mitzuteilen, dass es einem gefallen hat. Da es in meinem Kulturkreis überhaupt nicht üblich ist und ich es schwierig finde, wenn ein Mann das macht, würde ich nach einer gelungenen Tanda nie ein Tanguera küssen, das wäre mit zu vielen negativen Assoziationen überfrachtet.

Chajim hat gesagt…

Das ist ja interessant! Ich habe immer wieder gegrübelt, warum man neuerdings unbedingt immer ganze Tandas tanzen muss. Das hier könnte eine Antwort sein: "... habe ... Angst, diese Tanda ... zu relativieren" Somit wäre das eine Strategie, wenigstens nur nach einer Tanda Angst haben zu müssen und nicht nach jedem Musiktitel.

Dem Tangotänzer bleibt gar nichts anderes übrig, als das Tanzen zu genießen, sonst stellt sich schnell die Sinnfrage. Eine Garantie gibt es aber nicht. "Es ist nicht determiniert." ist so ähnlich wie "nicht deterministisch". Das Gegenteil von deterministisch ist stochastisch - (unter anderem) vom Zufall beeinflusst - nicht vollständig kontrollierbar.

Ob das viel mit Musik oder der Partnerin zu tun hat, mag sein, ich glaube eher weniger. Meist wird versucht, die Angst mit noch mehr Unterricht in den Griff zu bekommen. Mit hat, glaube ich, mehreres geholfen: 1. Fehlertoleranz mir selbst und anderen gegenüber, 2. (vielleicht) allerhand Damen, die mir als Anfänger schon nach ein oder zwei Tänzen die Möglichkeit gegeben haben, eine Pause einzulegen, mich zu sammeln und neu zu orientieren 3. später ein paar Damen, die sehr viel mehr als eine Tanda mitgemacht haben, 4. viel Tanzen, 5. noch mehr tanzen. Hat zahlreiche Jahre gedauert ...

cassiel hat gesagt…

@Chajim 

Ich freue mich immer, wenn ein Beitrag in diesem Blog die Lesenden zum Nachdenken anregt. Wenn sie sich dann die Mühe machen, ihre Gedanken zu hinterlassen, ist es natürlich noch viel besser. Vielen Dank also für Deine Gedanken.

Inhaltlich bin ich mir nicht ganz sicher, ob wir nicht aneinander vorbei reden. In den Milongas, die ich besuche, wird eine Tanda von einem Tanzpaar in der Regel vollständig getanzt. Ich sehe es ganz selten, dass ein Paar vorzeitig die Tanzfläche verlässt.
In Deinem Text zitierst Du meinen Begriff „Angst“. Da wird mir plötzlich klar, dass das unter Umständen im Ausgangsbeitrag missverständlich formuliert war. Möglicherweise ist Unsicherheit der bessere Begriff. Und diese Unsicherheit ist bei mir auch nach Jahren im Tango geblieben. Es passiert mir nur ganz selten, dass ich derartig tief im Tango bin, dass ich diese Unsicherheit vergesse.

Mit dem Begriff „Sinnfrage“ kann ich im Tangokontext so überhaupt nichts anfangen. Selbstverständlich – so denke ich jedenfalls – versucht jede und jeder den Tanz zu genießen. Häufig gelingt das auch. manchmal eben nicht.

Ich denke, diese Unsicherheit oder „Angst“ verschwindet irgendwann von selbst. Natürlich spielt dabei die von Dir erwähnte „Fehlertoleranz“ eine große Rolle. Mit dem Punkt 3 Deiner Aufzählung (im 3. Absatz) bin ich überhaupt nicht vertraut. Ich tanze nie mehr als eine Tanda in Folge mit einer Tanzpartnerin und nur ganz selten eine zweite Tanda später am Abend …

Viele Grüße

Chajim hat gesagt…

Dass es um eine spätere Tanda am Abend ging, hatte ich im Überschwang ausgeblendet. Noch einen oder mehrere Tänze unmittelbar dranzuhängen ist sicher hinsichtlich Angst/Unsicherheit deutlich weniger problematisch, nehme ich mal an …

Was mich zum Antworten angeregt hat, war das Phänomen, das Tanzen aus Angst vor irgendeinem Rückschlag zu unterlassen. Das hat mich an meine Anfangsjahre erinnert. Als die Schwierigkeiten anfingen, hatte ich ca. ein Jahr Tanzerfahrung und einige Monate mit regelmäßigem Unterricht. Ich wusste, dass ich schon einiges kann, ich nicht beschimpft oder kritisiert werde, die Tanzpartnerin mit mir tanzen wollte. Und trotzdem konnte ich es nicht - aus Selbstzweifeln, wo ich jetzt spontan überlegt habe, ob ich es nicht auch Angst nennen könnte oder Unsicherheit. Damals konnte ich das gar nicht benennen. Zur Milonga gegangen bin ich trotzdem, habe aber wenig getanzt.

Was mir dagegen geholfen hat, kann ich ziemlich genau sagen: mit vielen verschiedenen Partnerinnen tanzen, mein eigenes Tanzniveau akzeptieren und mal nicht verbessern wollen und sicher auch nonverbales Feedback der Partnerinnen.

Und davon möchte ich auch noch erzählen, weil es den Eindruck macht, dass davon niemand weiß: Ich habe Mitte der 90er in den USA mit dem Tango lernen angefangen. Cortinas gab es nicht, Tandas vielleicht, das interessierte dann nur den DJ. Es galt als höflich, zwei bis drei Tänze zusammen zu tanzen. Vier wurden es, wenn es sehr schön war. Kann sein, dass auch mehr ging. Nach einem Tanz aufzuhören, habe ich als Anfänger des öfteren erlebt und das war natürlich als deutliches Signal zu interpretieren. Je nach Tonfall des „Thank you“ konnte es aber verschiedenes bedeuten: „erst einmal nicht mehr, aber später gerne noch einmal versuchen“, „da hast du wohl noch einiges zu lernen“ oder „nochmal bitte nicht“. An Körbe kann ich mich nicht erinnern. Es ist schon möglich dass es welche gab. Die gängige Meinung war, dass Körbe unangebracht wären. Das ganze habe ich als äußerst hilfreich in Erinnerung. Man beachte, dass das Vermeiden einer verbalen Ablehnung, das als Vorteil der Mirada/Cabeceo gehandelt wird, hierauf ebenso zutrifft. Mich würde mal interessieren, ob das andere ähnlich erlebt haben.

Zurück in Deutschland stellte ich erst einmal fest, dass man länger miteinander tanzte, 4 Tänze war normal. Es wurde gemunkelt, dass es auch so etwas wie Tandas geben könnte. Auch ca. 2005 waren Cortinas noch unüblich. Ich kann nicht mehr genau sagen, ab wann diese Art Feedback praktisch nicht mehr möglich war, weil die Tanda zur kleinsten Einheit wurde. Man kann nur 4, 4 oder 4 Tänze miteinander tanzen oder einen Korb geben. Da 4 schon ziemlich viel ist, musste zwangsläufig der Korb salonfähig werden. Einen Tanz kann man mit jedem, eine Tanda nicht. Die Feedback-Möglichkeit kann ich mir nur mittels unmittelbar folgender zweiter Tanda erhalten. Wer es mit mir länger als eine aushält, wird bevorzugt wieder aufgefordert. Wenn sie nach einer Schluss macht, hat es ihr vielleicht nicht gefallen. Zwei Tandas kann schon wieder arg viel sein, so ein Abend ist schnell vorbei. Aber was will man machen …

Ich bin wohl tatsächlich etwas vom Hundertsten ins Tausendste gekommen und könnte ohne Längebegrenzung noch mehr schreiben. Aneinander vorbei reden würde ich dazu nicht sagen, aber es scheint schon eine ganz andere Welt zu sein … vielleicht wird meine vorherige Anmerkung dadurch etwas verständlicher.

Chajim hat gesagt…

Es werden erweiternde Gedanken gewünscht, also liefere ich noch den zweiten Teil meiner Ergüsse:

Ich will damit vor allem sagen, dass ich es für verfehlt halte, in der Milonga ausführliches verbales Feedback zu geben und nach Ursachen zu suchen. Dafür gibt es Unterricht und Praktika. Es hilft auch nicht, weil es einfach oftmals nicht verstanden wird und, da beim nächsten Mal das Tanzen schon ganz anderes verlaufen kann, auch keinen Bestand hat. Ich habe gelernt, dass ich mich um mein Glück beim Tanzen selbst kümmern muss, und zwar möglichst unabhängig von Musik, Stimmung auf der Tanzfläche und Partnerin. Ich kann mich über all das ärgern, muss aber nicht. Also entscheide ich mich dafür, mich nicht zu ärgern. Wenn es nicht schön ist, höre ich eben auf.

Es gibt noch ein schönes Experiment, woran man sehen kann, dass weniger als eine Tanda tanzen auch sehr nett sein kann. Wenn ich nämlich in Ermangelung eines individuellen Verkehrsmittels zu fortgeschrittener Stunde die nachts nur selten verkehrende Bahn pünktlich erreichen möchte, kam es öfters vor, dass ich noch aufgefordert werde. Das kann v.a. passieren, wenn ich mich eigentlich verabschieden will. Ich sage, wie viele Tänze voraussichtlich noch drin sind, oft nur einer. Nie ist daraufhin die Aufforderung zurückgezogen worden. Der Himmel hat sich nicht verfinstert, der Vorhang ist nicht zerrissen, die Dame war zufrieden, ich auch, es war oft besonders herzlich und wenn auf die letzten Minuten etwas daneben ging, hat man nur gelacht. Das Erleben einer Nicht-Tanda sozusagen. Ich bin wohl tatsächlich etwas vom Hundertsten ins Tausendste gekommen. Aneinander vorbei reden würde ich dazu nicht sagen, aber es scheint schon eine ganz andere Welt zu sein … vielleicht wird meine vorherige Anmerkung dadurch etwas verständlicher.

Andreas K. hat gesagt…

Lieber Cassiel, schön, daß Du dieses Thema mal ansprichst. Ich habe mich das selbst schon sehr oft gefragt und um diese vitale Diskussion fortzuführen, erlaube ich mir, meine ganz persönliche (provokante) These aufzustellen: Tango tanzt jeder für sich ganz allein, auch wenn wir dazu eine/n Partner/in brauchen!

Bevor ein Sturm der Entrüstung losbricht, hier meine Erklärung dazu: Was macht eine Tanda eigentlich zur "Traumtanda"? Der Tanzpartner/die Tanzpartnerin, schon klar. Aber was genau?

Meiner Meinung nach gibt es einen bestimmten Treshold des "gut", ab dem das eigene Hirn findet, es sei gut genug und die ensprechenden Hormone ausschüttet. Dopamin, Oxytocin, was auch immer. Und ab diesem Punkt kann (kaum mehr) was schiefgehen. Ob dieser Treshold bei einer Tanda erreicht wird, hängt nach meiner Beobachtung von zwei Faktoren ab: der pyhsischen Verbindung im Paar (ob es zwischendurch holpert oder absolut smooth ist), das ist mehr oder weniger Körpermechanik und hängt vom Können der Kontrahenden ab. Die andere Hälfte ist, behaupte ich jetzt mal frech, schlicht und ergreifend Einbildung. Gespeist von irgendwelchen Bildern im Kopf, die man(n)/frau sich über den Partner macht. Wenn man den Partner sehr sympathisch findet, ist die Tanda schon zur Hälfte gewonnen und der Treshold nicht mehr weit.

Insofern kann ich Deine Furcht vor einer zweiten Tanda sehr gut nachvollziehen. Der Treshold steigt und hebt die Latte höher, je öfter man ihn erlebt. Und ob es mit der gleichen Partnerin am gleichen Abend nochmal so großartig wird, ist absolut fraglich. Da nehme ich manchmal lieber den Spatz in der Hand (der eigentlich eine Taube ist), packe meinen Dopamin/Oxytocin-gefluteten Tanzkörper und mach mich auf den Weg nach Hause. Ganz vorsichtig, damit mit nichts davon verschütt' wird...

cassiel hat gesagt…

Es hat ein wenig gedauert, aber ich möchte noch kurz auf die letzten Anmerkungen antworten.

@Chajim 
Vielen Dank für Deine Beiträge. Ich sehe das übrigens mit dem Themenbezug zum ursprünglichen Beitrag nicht so eng. Es ist doch auch bereichernd, wenn hier Leserinnen und Leser über Dinge berichten, die etwas weiter abseits von Ausgangsbeitrag liegen.

@ Andreas K. 
Auf die Idee mit dem Threshold (engl. für „Schwelle“ bzw. „Schwellwert“) bin ich nicht gekommen. Ich kenne diesen Begriff nur aus technischen Umgebungen. So arbeitet beispielsweise eine Audio-Kompressor erst ab einer bestimmten voreingestellten Lautstärke (dem Threshold). Wenn ich Dich richtig verstanden habe, dann meinst Du, eine Tanda wird ab einer gewissen Schwelle als „gut“ eingestuft. Hmmm … ein interessanter Denkansatz. Ich bin nicht sicher, ob das meiner Wahrnehmung so entspricht. Ich denke auch nicht, dass es ausschließlich eine Frage von Symphathie ist. Klar, mit einer Dame, die ich wirklich unsympathisch finde, werde ich kaum innig tanzen können. Den Umkehrschluss: Jede Tanguera, mit der ich schön tanze, muss ich auch sympathisch, begeherenswert usw. finden, sehe ich dann doch eher kritisch. Aber ich will noch einmal in Ruhe darüber nachdenken. Jedenfalls vielen Dank für Deine Zeilen.

Yokoito hat gesagt…

In einem anderen Tangoblog habe ich mal die Definition "Tango is love without the mess" gelesen. Auch was dran. Insofern neige ich auch in Richtung der Schwellenhypothese von Andreas K. Oberhalb eines gewissen Levels sind weitere Unterschiede nicht mehr so wichtig. Die Scheu vor einer nächsten Tanda, wenn man mit einer Dame mal ein sehr schönes Tanzerlebnis hatte, kenne ich auch. Würde sie aber versuchen als einen Teil der Magie zu betrachten und auch zu genießen.

haribold hat gesagt…

Wenn zwei Menschen gleichzeitig das Gleiche tun, wird es trotzdem nie das Selbe sein:

bagualita (Kommentar #2): „Wir kennen nur unsere Wirklichkeit, es ist sozusagen jedeR eine Welt für sich, unsere Wahrnehmung ist schlicht unsere.“

Chajim (#16): „Ich habe gelernt, dass ich mich um mein Glück beim Tanzen selbst kümmern muss, und zwar möglichst unabhängig von Musik, Stimmung auf der Tanzfläche und Partnerin.“

Andreas K. (#17): „Tango tanzt jeder für sich ganz allein, auch wenn wir dazu eine/n Partner/in brauchen!“

Warum macht sich dann Cassiel einen Kopf, wie seine Partnerin den Tanz fand? Er weiß es selber nicht so recht. Hat er in „Harry und Sally“ nicht gesehen, wie echt sich ein (Tango-)Orgasmus vortäuschen läßt?

Immerhin, und das meine ich als aufrichtiges Kompliment, lieber Cassiel: Du schaffst es immer wieder, mit Deinen Gedanken interessante Diskussionsbeiträge anzuregen. Auch wenn sie manchmal etwas „abseits vom Ausgangsbeitrag“ (Cassiel) liegen. Mir gefiel da besonders Chajims Schilderung, wie Tango früher auch ohne Tandas, Cortinas und Cabeceos funktionierte...

cassiel hat gesagt…

Ich stecke mal wieder tief in der Arbeit, daher konnte ich auf die letzten zwei Kommentare nicht früher antworten. Jetzt aber …

@Yokoito 
Ich habe einige Schwierigkeiten mit der Idee, den Tango mit Metaphern über die Liebe aufzuladen, deswegen kann ich mit dem Zitat nicht so viel anfangen. Trotzdem ein interessanter Gedanke – vielen Dank für Deinen Kommentar.

@Haribold 
Ich bedanke mich für das Kompliment. Für mich ist die Diskussion zu Artikeln in diesem Blog mindestens so wichtig, wie die Beiträge selbst. Eine Vielfalt der Gedanken eimpfinde ich persönlich als bereichernd, auch wenn ich konkret Deine Empfindung bezüglich früher Zeiten (als Tandas, Cortinas und Cabeceos nicht so verbreitet waren) so nicht teilen kann. Danke für Deine Zeit, eine Anmerkung zu schreiben.