Sonntag, 17. Dezember 2017

Resonanz und Stabilität – zwei Begriffe aus der Soziologie im Tango

Ja, ich habe eine lange Pause des Schreibens hinter mir. Ich habe mich in den letzten Monaten intensiv mit der Tangomusik, der Audio-Wiedergabe, dem Tango als Tanz usw. beschäftigt und jeder Versuch, meine Überlegungen in einen Text zu gießen, war in meiner Wahrnehmung unbefriedigend. Also habe ich nicht veröffentlicht. Erschwerend kommt hinzu, dass ich eine Veränderung in der Kommunikation im Internet feststelle. Alles wird gemäß meiner Wahrnehmung hektischer und pointierter. Das ist nun nicht unbedingt die Umgebung, in der ich besonders gut bin … Aber jetzt traue ich mich einmal wieder mit einem Text an die Öffentlichkeit der verbliebenen Restleserschar. Es gibt noch ein paar andere Ideen, die ich habe. So habe ich beispielsweise vor Monaten ein zweistündiges Gespräch mit Murat Erdemsel – unter anderem über Tango-DJs – geführt. Die Audio-Daten warten ebenfalls noch auf einen Übertragung in Schriftform … wer weiß, eventuell finde ich über die Weihnachtstage Zeit …

Vielleicht erzähle ich an dieser Stelle einmal eine Geschichte aus dem Alltag. Wenn ich beruflich mit dem Auto unterwegs bin, dann höre ich auf längeren Fahrten neben Tangomusik häufig gerne Podcasts. Der ganz überwiegende Teil der ausgestrahlten Radioprogramme nervt mich inzwischen höllisch und so bin ich dazu übergegangen, digital aufgezeichnete Sprachprogramme via Smartphone im Auto zu hören.

Ein Format, das ich sehr gerne höre, ist der Podcast Hörsaal des Deutschlandfunks. In diesem Podcast werden einstündige Vorträge von verschiedenen Wissenschaftlern zu den unterschiedlichsten Themen ausgestrahlt. Da geht es beispielsweise um Astrophysik, Genetik, Europapolitik oder Rundfunkstaatsverträge und die allermeisten Themen interessieren mich. Natürlich gibt es auch für mich weniger spannenende Episoden, so referierte neulich eine Kulturwirtin zur „schwarzen Lederjacke“. Auch den Vortrag habe ich mir schlussendlich komplett angehört. Der Hörsaal-Podcast ist nämlich ein Baustein meiner Strategie gegen die m.E. gefährliche persönliche Bubble (die Filterblase, in die man u.U. sehr leicht hineingeraten kann).

Vor zwei Wochen wurde mir im Rahmen der zufälligen Auswahl der Vorträge eine Folge aus dem Juli angeboten. In dem Vortrag „Eine Soziologie des guten Lebens“ führte der Referent, Hartmut Rosa, Professor am Institut für Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, den Begriff der Resonanz ein. Ich habe mir zunächst aufmerksam diesen Vortrag angehört und einige Tage später kam mir der Gedanke, dass diese Ideen sich hervorragend in das Soziotop Tango Argentino übertragen lassen. Für den äusserst hörenswerten Vortrag im Original verweise ich auf die Seiten des Deutschlandfunks. Hier werde ich meine Ideen zu den vorgestellten Thesen im Bezug auf den Tango entwickeln.

Das Modell der Resonanz im Tango Argentino

Wer kennt es nicht? in einer beliebigen Unterhaltung mit Nicht-Tango-Tanzenden taucht fast immer irgendwann einmal die Frage auf: Was ist eigentlich so faszinierend im Tango? Bislang habe ich versucht, meine Gedanken zu dieser Frage mit dem Begriff der Synchronität zu erklären. Den besonderen persönlichen Reiz habe ich häufig als synchrones Erleben beschrieben. Es gibt immer mal wieder eine Tanda in der sich Synchronität einstellt. Ich vergesse den Raum um mich herum und konzentriere mich voll und ganz auf meine Tanzpartnerin und es entsteht ein Dialog zur Musik, in dem ich nicht mehr denken muss. Dann entwickeln sich diese gemeinsamen 10 oder 12 Minuten zu einem Miteinander in Harmonie und der synchronen Bewegung.

Dieses Erklärungsmodell ist allerdings unvollständig im Bezug auf die Entstehung einer – wie auch immer gearteten – Synchronität im Tanzpaar. In Verbindung mit dem unglücklicherweise etablierten Begriffspaar Führen und Folgen kann sich da leicht ein Missverständnis entwickeln, das sich in der Folge nur schwerlich auflösen lässt. Der Kern dieses Missverständnisses wird deutlich, wenn man die Frage stellt: Wie entsteht diese Synchronität und wo ist sie verortet? Ist es etwa so, dass sich der oder die Folgende an die Führung anpassen muss? Vielleicht ist es auch umgekehrt? Synchrones Erleben bleibt zwar die Zielvorstellung, jedoch ist der Weg dahin unklar.

Kommen wir nun also zum Modell der Resonanz. Der Begriff wurde bereits im Jahr 1986 von Niklas Luhmann in die sozialwissenschaftliche Systemtheorie eingeführt (Resonanz ist gem. seiner Definition eine „rekursiv - geschlossene Reproduktion bei umweltoffener Irritierbarkeit“). Hartmut Rosa vereinfacht die Definition des Begriff in seinem Vortrag. Er motiviert sein Konzept einer Resonanz mit einem physikalischen Experiment.

Resonanz bei zwei unterschiedlich eingestellten Metronomen als Modell

Es ist verblüffend: Manchmal erlebe ich in einer Tanda diese Resonanz. Während der Tanda synchronisieren sich (wohl aufgrund dieser nicht näher zu erklärenden Resonanz) Atmung und Herzschlag. Am Ende der Tanda bemerke ich, wie wir synchron atmen und manchmal spüre ich den Herzschlag der Partnerin und meinen eigenen – ebenfalls synchron. Aber das ist natürlich nicht die Regel. Es ist für mich noch ein weiter Weg, diese Fertigkeiten zu verfeinern und routinierter zu werden (und es hängt natürlich auch von der jeweiligen Tanzpartnerin ab).

In dem Vortrag wird ein Experiment erwähnt. Von diesem (physikalischen) Experiment gibt es ein YouTube-Video. Zwei mechanische Metronome (eines auf 190 BPM, das andere auf 182 BPM eingestellt) stehen auf einem schwingenden Untergrund. Mit der Zeit synchronisiert sich ihr Gang auf eine gemeinsame Geschwindigkeit. Das ist – wie ich finde – ein sehr gutes Modell für die Idee der Resonanz im Tango.



Man kann nun physikalisch mit mechanischen Impulsen argumentieren und erklären, wie es zu dem Phänomen kommt. Darum geht es mir aber hier nicht. Ich finde, hier haben wir ein gutes Modell (als Verdeutlichung eines nicht sichtbaren Zusammenspiels zweier Tanzenden) für Resonanz (als gegenseitige Beeinflussung zum Erreichen einer Synchronität).

Aber aus der Beobachtung des Modells lassen sich noch zwei weitere interessante Umstände ableiten:

  1. Resonanz trägt dem Umstand Rechnung, dass sich hier zwei autonome Systeme gegenseitig beeinflussen. Es ist auch m.W. nicht determiniert, bei welcher Geschwindigkeit sie sich synchronisieren. Das hängt von der Ausgangssituation und den Umgebungsbedingungen ab und wird mit der Zeit ausgehandelt. Es ist also keineswegs so, dass sich das langsamere Metronom dem schnelleren angleicht (oder umgekehrt). Resonanz im Tango ist also der Prozess der Interaktion und des Sich-Aufeinander-Einstellens.
  2. Die schwingende Basis der Konstruktion ist ein modellhafter Repräsentant für geeignete Umgebungsbedingen im Tango. Es ist evident, dass dieses Experiment nicht funktionieren kann, wenn beide Metronome auf einer Betonplatte stehen. Es gibt also Umgebungsbedingungen, die dem Prozess der Resonanz dienlich sind. Übertragen wir diesen Gedanken zurück in den Tango, so wird es Umgebungsbedingen geben, die förderlich sind. Nach meiner Meinung gehört da beispielsweise die richtige Musik dazu, oder eine strukturierte Ronda, die dem oder der Vorschlagenden Räume eröffnet, in die er oder sie den oder die Interpretierende einladen kann.

In seinem Vortrag formuliert Hartmut Rosa aber auch eine weitere Konsequenz, die sich aus dem (Denk-)Modell der Resonanz für die Interaktion von Menschen ergeben:

  • Der Prozess der Resonanz wird mich – ganz allgemein gesprochen – verändern (in dem Vortrag wird das mit dem Fremdword affizieren beschrieben) und im Verlauf dieses Aushandelns werde ich auch mein Gegenüber verändern (Hartmut Rosa spricht von einer Response-Resonanz). Auf diese beiden Umstände muss man sich angstfrei einlassen können; mit anderen Worten: Man muss es zulassen. Man selbst tritt in Interaktion und wird tranformiert in diesem Prozess des Aushandelns und ebenso beeinflusst man den (die) Resonanz-Partner(in).
Das erscheint im ersten Moment wie eine Binsenweisheit. Ich denke aber, es ist wirklich wichtig, diesen Gedanken im Tango im Hinterkopf zu behalten. Ich kann nicht erwarten, dass sich mein Gegenüber komplett auf mich einstellt (sich also auf meinem Niveau synchronisiert). Wir werden aber gemeinsam durch Resonanz einen Zustand der Synchronität erreichen, dennoch wird niemand von beiden statisch in einer Ausgangssituation verharren können.

Der Begriff der dynamischen Stabilität

Ich möchte aber noch auf einen weiteren Gedanken aus dem Vortrag eingehen. In der sozialwissenschaftlichen Systemtheorie wird allgemein angenommen, dass Systeme sich über Impuls und Resonanz immer zu einem stabilen Zustand entwickeln (das klingt für mich auch sehr logisch). Hartmut Rosa weist in seinem Vortrag darauf hin, dass unsere Wirtschaftsordnung mit dem Paradigma des immerwährenden Wachstums sich in einem Zustand der dynamischen Stabilität befindet. Gemeint ist: Nur permanentes Wachstum hält das System stabil. Ein ruhiges Verweilen und Reflektieren bedeutet (in der Logk des permanenten Wachstums) Regression. Das hält er – so wie ich es verstanden habe – für sehr bedenklich.

Ähnliches beobachte ich in Teilen der Tango-Community. Der aktuell zu beobachtende Trend zu Musik mit klar erkennbaren Beat (z.B. d'Arienzo aus den 50ern, 60ern oder gar 70ern, später Caló, französische Tangos usw.) hält das System des Tanzpaares in permanenter Bewegung. Diese – soziologisch betrachteten – Systeme können nur in der parmanenten Bewegung (oder anders formuliert: dynamisch) Stabilität erlangen. Das widerspricht nach meinem Verständnis der grundlegenden Idee des Tangos. Die Nicht-Bewegung bzw. Ruhe als Kontrapunkt zur Bewegung etabliert nach meinem Verständnis erst den Rahmen, in dem Resonanz (siehe oben) möglich wird. Erst diese Resonanz führt schließlich zu einem kooperierenden (oder gleichberechtigten) stabilen System.

Abschließende Bemerkung

Natürlich sind diese Überlegungen sehr abstrakt. Ich habe sie allerdings hier einmal zusammengefasst, weil ich der Meinung bin, durch Nachdenken bzw. Reflektieren des eigenen Verhaltens ist eine Änderung (und somit auch ein Weiterkommen) möglich. Der gelegentlich in Kommentaren formulierte Einwand, so etwas sei zu theoretisch, greift m.E. nicht. Wer also meinen Überlegungen etwas abgewinnen kann, der möge sich aus diesem Text das Notwendige herausziehen. Für alle anderen bleiben diese Zeilen möglicherweise schwer nachvollziehbare Gedanken. Es steht ihnen frei, nach den beschriebenen Phänomenen Ausschau zu halten (oder es eben zu lassen).

Ich freue mich über ergänzende Anmerkungen, alternative Annäherungen an das Thema, Lob und Tadel in den Kommentaren.


Und noch ein Hinweis: Neulich hat Laura, eine der drei Bloggerin eines neuen Tangoblogs, in diesem Blog kommentiert und einen Link hinterlassen. Sie hat mich damit auf die Koproduktion von drei Berlinerinnen aufmerksam gemacht. Gerne empfehle ich an dieser Stelle das neue Tangoblog aus Berlin:


Ich habe da schon ein wenig herumgelesen und fand das sehr frisch und ansprechend. Das neue Tangoblog möchte ich an dieser Stelle daher herzlichst zur Lektüre empfehlen.

23 Anmerkung(en):

Peter hat gesagt…

Ein spannender Artikel. Als ehemaliger Physiklehrer, hat mich das Thema Resonanz sehr angesprochen. Auch ich beobachte dieses Phänomen schon lange im Tanzpaar vor allem im synchronisieren des Atems. Danke für die tolle Anregung.

Laura hat gesagt…

Vielen Dank für den Hinweis zu unserem Berliner Tangoblog Berlin Tango Vibes.

Und vielen Dank für diesen tatsächlich etwas abstrakten, aber sehr lesenswerten und vor allem zur Reflexion anregenden Artikel. Da kommen sich Erfahrung, Kunst und Wissenschaft mal wieder ganz, ganz nah.

castillo hat gesagt…

Bin erfreut, zu hören, dass Du noch an Bord bist.
Ja, manchmal am Milonga-Abend hat man dieses Einklang-Gefühl - eventuell inklusive hörbaren Gleichklangs der Atmung (einen gemeinsamen Taktgeber - die Musik - gibt es ja). Oft weiß man gar nicht warum. Hängt auch nicht unbedingt vom Tanz-Niveau ab. Wohl eher von Vertrauen, Sympathie, Loslassenkönnen. Ist auch nicht automatisch wiederholbar. Bedeutet auch nicht, dass der Rest des Abends nichts wert ist. Leider (oder vielleicht auch sinnvollerweise) ist die Tanda dann irgendwann vorbei.
Immerwährendes Wachstum braucht der Tango nicht, immerwährende Veränderung ist Naturgesetz.

Andreas K hat gesagt…

Interessanter Vergleich mit der pyhsikalischen Resonanz, aber ich finde die Sache ein bißchen verkopft.

Natürlich ist die Resonanz Mittel zum Zweck der Erzielung von Synchronität im Paar. Wir suchen die Synchronität - des Timings, der Schrittgrößen, der Bewegungsabläufe, letztendlich (als Folge des ersteren oder bewußt umgekehrt) des Atems - weil Synchronität harmonisch ist und sich besser anfühlt als Disharmonie. Dabei beeinflussen sich stets beide Partner gegenseitig und stellen sich aufeinander ein - physisch wie mental, eventuell der bessere Tänzer etwas mehr auf den schwächeren. Im NLP-Bereich wird dafür der Ausdruck Pacing and Leading verwendet, wenngleich auch für andere Zwecke.

Was sich mir nicht erschließt, ist der Sprung zur permanenten Bewegung. Wenn ein Tanzpaar in dyamische Stabilität verfällt, dann ist häufiger eine wackelige Achse schuld, die dynamisch leichter aufrechtzuerhalten ist. Gelegentlich vielleicht auch ein Rausch der Bewegung (da denke ich an so einige Milonga-Tandas). Nachhaltiger Genuß ist das nicht, weil die Synchronität in dem Fall auf die mechanische Resonanz reduziert und nicht mehr als Gleichklang zweier Individuen erfahren wird, was m.E. letztlich jenes emphatische Gefühl in uns auslöst, das wir den Tango-Kick nennen.

Andreas K hat gesagt…

Wenn wir den Begriff der Resonanz für den Tango verwenden wollen, dann schlage ich vor, etwas zu erweitern. Die Resonanz ist die gegenseitige Beeinflussung von 2 oder mehr Systemteilnehmern. Auf die Metronome umgelegt: würde die Tischplatte aktiv schwingen, so hätten wir 3 Teilnehmer, die sich mittels Resonanz auf einen gemeinsamen Takt einschwingen.

Im Tango ist dieser dritte Teilnehmer für mich die Musik. (Es könnten auch benachbarte Tanzpaare sein, doch das wird mir zu komplex.) Damit paßt der Resonanzvergleich für mich wieder.

cassiel hat gesagt…

Ich stehe zwar etwas unter Zeitdruck, möchte aber kurz zu den bisherigen Kommentaren, für die ich mich herzlich bedanke, schreiben.

@Peter :-) Dass dieses Modell einem Physiklehrer gefallen muss, ist natürlich klar. Viele Grüße

@Laura Danke für Deinen Kommentar. Ich finde die Bandbeite von Veröffentlichungen zum Tango sehr reizvoll (ich habe mit einem breiten Grinsen Euren jüngsten Beitrag gelesen).

@castillo Wie lange ich noch schreibe, weiß ich nicht. Irgendwann wird ein Ende kommmen. Aber ab und zu läuft mir ein Thema über den Weg und dann ist so ein Blog eine tolle Umgebung, um mit anderen über Ideen zu diskutieren. Ich habe es nicht erwähnt, deswegen bin ich dankbar für Deine Ergänzung. Klar, erfolgreiche Resonanz hat nichts mit irgendeinem Tanz-Niveau zu tun.

@Andreas K Klar ist der Ansatz etwas verkopft. Meine einzige Rechtfertigung: So kann man die Idee unmittelbar einleuchtend darlegen. Wenn ich mich selbst in meiner Tangoentwicklung beobachte, dann waren die ersten Jahre davon gekennzeichent, mich selbst zu organisieren. In einer weiteren Phase habe ich versucht, möglichst deutlich zu kommunizieren und nun versuche ich zu hören und die Impulse der Tanzpartnerin ebenfalls aufzunehmen. Ich weiß nicht, welche Phase als nächste kommt.
Ich habe in dem Text wohl nicht deutlich genug herausgestellt, dass ich mich auf den verlinkten Vortrag im Podcast des DLF beziehe, daher der Sprung zur dynamischen Stabilität. Du hast sicherlich Recht, wenn man sich dauerhaft bewegt, kann man eine instabile eigene Achse besser kompensieren. Die Frage, die sich nun anschließt: Ändere ich die Musik oder trainiere ich, meine eigene Achse zu stabilsieren?
Über Deinen abschließenden Gedanken (aus Deinem 2. Kommentar) muss ich noch ein wenig nachdenken. Spontan würde ich sagen, dass wir Tango (zumindest bei „Konservenmusik“ in der Milonga) als Tänzer ja keinerlei Einfluss auf die Musiker haben. Deswegen kann in diesem speziellen Modell die Musik m.E. kein Resonanzpartner sein. Ich denke gerade spontan an den epochalen Auftritt der Rockband Queen beim LiveAid-Konzert (1985). Da sieht man für mein Empfinden sehr gut, wie eine Resonanz zwischen Publikum und Musikern entsteht. Wir können nur erahnen, was in Bueones Aires vor mehr als einem halben Jahrhundert bei den Live-Auftritten der großen Tango Orchester möglich war.

Muss schon wieder weiter …

Rainer hat gesagt…

Das sind wirklich interessante Gedanken!! Ich glaube, dass über das von Dir skizzierte Modell hinaus, bei gutem Tango wirklich Synchronisationsprozesse stattfinden, die aber physikalisch nur schwer messbar sind. Und ich glaube, dass diese wesentlich für die "Glücksgefühle" beim Tango verantwortlich sind.

Als Wissenschaftler (Mathematiker) habe ich auch über solche Synchronisationsprozesse gearbeitet: Man kann zum Beispiel den Begriff der dynamischen Stabilität bei vielen Prozessen sehr genau als Equilibrium der Schwingungsvorgänge bei ansonsten weitgehend unabhängig voneinander oszillierenden Prozessen beschreiben. Dein Bild, dass die Nicht-Bewegung als Kontrapunkt zur Bewegung den Rahmen etabliert, in dem Resonanz möglich wird und zu einem kooperierenden System führt, entspricht wirklich sehr genau diesen mathematischen Modellen zur dynamischen Stabilität bei Schwingungen.

Diese Synchronisationsvorgänge begegnen uns häufig im Alltag (zB beim simultanen Zirpen von Grillen). Richtig spannend ist, dass man heute weiß, dass die Kommunikation zwischen unterschiedlichen Gehirnregionen genau so funktioniert. Bei der Alzheimer-Krankheit weiß man zum Beispiel, dass die Plaques diese Schwingungen und das Wechselspiel zwischen Resonanz und Synchronisation verhindern - und damit auch die Gedächnisbildung während des Schlafs. Wie gesagt - ich glaube, dass solche Vorgänge nicht nur bildlich sondern wirklich beim Tango stattfinden und auch wesentlich für unsere positiven Emotionen beim Tango verantwortlich sind.

Danke für Deinen Beitrag!

Anonym hat gesagt…

Lieber Cassiel, liebe Alle!
Es tut mir leid widersprechen zu müssen. Ich finde das Ganze überhaupt nicht "verkopft". Es ist genau das, was ich beim Tango "empfinde"!! Ich konnte es nur bisher nicht entsprechend ausdrücken.
Andreas K hat gesagt...
... würde die Tischplatte aktiv schwingen, so hätten wir 3 Teilnehmer, die sich mittels Resonanz auf einen gemeinsamen Takt einschwingen.
Das ist genau das, was ich manchmal erleben darf! Das beginnt schon beim Betreten, der Einladung in die Ronda! Wenn dann die Ronda (also alle Tanzenden) in einem Rhythmus zu schwingen beginnen.... Ich nenne es "DIE RONDA" Solche Abende vergisst man so schnell nicht.
Das passt m.E auch gut ins technische Modell. Die Tänzer passen sich aktiv an und sind die schwingende Platte. Die Musik ist der "Boden" über dem die Tischplatte angeordnet ist.
In diesem Sinne, danke Cassiel für dieses Geschenk und allen ein erfreuliches Weihnachtsfest.
Snoop

haribold hat gesagt…

Unter welchem Schlagwort (Tag) darf man Cassiels Artikel und einige Kommentare einordnen? Tangomystik? Tangoesoterik?

Ich bin weder Mystiker noch Esoteriker und mit Glauben hab ich’s auch nicht so. Ich tanze Tango. Und stelle fest: Es macht mal mehr und mal weniger Spaß. Gut ist es, Spaß macht es, wenn ein paar Dinge zusammenkommen. Z.B.: Meine Partnerin tanzt gut, ich bin gut drauf, die Musik macht Laune, wir haben Platz. Als Anfänger habe ich schlecht getanzt und mich mit Anfängerinnen abgeplagt. Kein Spaß! Inzwischen habe ich mein tänzerisches Können deutlich verbessert, was meinen Tanzspaß überproportional gesteigert hat. Wenn ich jetzt an eine gute Tänzerin gerate: Großer Spaß!

Will sagen: Tango ist Blut, Schweiß und Tränen. Oder, mit weniger Pathos: Lernen, üben, lernen, üben... - Tango ist nicht: Religion, Glaube, Meditation, Soziologie, Mathematik etc. (Allenfalls noch Physik und etwas Psychologie...) Tango ist ein schöner Tanz. Punkt und Ende.

Also Tango ohne Gefühl? Mitnichten! Das Gefühl im Tango heißt Musikalität. Die ist m.E. nur schwer erlernbar. Es gibt Anfänger mit großer Musikalität und technisch gute Tänzer mit geringer Musikalität. Die Auswirkungen auf die Tanzfreude des Partners sind frappierend.

Ein Stethoskop zum Abhören des Herzschlags meiner Tanzpartnerin führe ich auf Milongas nicht mit. Cassiel kann es auch ohne. Wohl Spezialbegabung.

Und noch ein Wort zur gepriesenen „Synchronität“: Tango ist - wie spannend und wundervoll - oft asynchron. Er tanzt langsame Schritte, sie schnelle. Er steht, sie geht etc. Schaut euch z.B. mal den von Cassiel und auch mir geschätzten Murat Erdemsel mit Sigrid van Tilbeurgh an!

„Resonanz im Tango ist also der Prozess der Interaktion und des Sich-Aufeinander-Einstellens.“ So richtig wie trivial. Ohne geht’s nicht.

Martina hat gesagt…

Es funktioniert!!! :-))) Normalerweise lese ich hier still mit. Das ändert sich heute. Ich komme gerade aus der Milonga und schwebe auf Wolke Sieben. :-) Aber ich will in Ruhe erzählen. Ich tanze etwa seit vier Jahren Tango. Und diesen Artikel habe ich am Montag gelesen. Ich will es gar nicht verhehlen. Meine erste Reaktion war ein Kopfschütteln. Was soll nun der Artikel schon wieder. So ist es mir hier häufiger ergangen. Meist dauerte es ein paar Wochen bis ich verstanden habe, was Cassiel eigentlich will. Es gibt einen Tänzer in meiner Stammmilonga, der sehr gut tanzt. Ab und zu schaffe ich es, mit ihm zu tanzen. So auch heute. In der Vergangenheit war ich immer zu aufgeregt und hatte den Druck, immer genau das leisten zu müssen, was ich glaubte, was er erwartet. Heute habe ich mir während des erste Stückes der Tanda immer wieder gesagt, Resonanz, Resonanz, Resonanz. Was kann ich ihm geben, damit wir irgendwie uns treffen und etwas entsteht. Und dann ist es irgendwie passiert. Ich bin abgetaucht. Meine Aufregung war verschwunden. Im Paar wechselten die Impulse und ich habe so gut getanzt wie noch nie. Am Ende der Tanda habe ich nun einmal bewusst darauf geachtet. Er ließ mich nicht sofort los. Er hielt mich noch ein paar Sekunden im Arm und da war sie - die Resonanz. Wir atmeten synchron und ich glaube, ich habe seinen Herzschlag gespürt. Er sagte wie immer ein fast schüchternes Danke, aber das war heute anders. Für mich war heute schon Weihnachten. Vielen lieben Dank für die Nachdenkanstöße. Ich muss immer viel nachdenken nachdem ich hier lese, aber ich weiß inzwischen, es lohnt sich. Allen hier im Forum Frohe Weihnachten und viel Resonanz. :-)

castillo hat gesagt…

@haribold:
Veto! Das mit den "asynchronen Schritten" wird ja erst so richtig schön, wenn damit Beide synchron sind - nämlich im Takt,im Rhythmus, in der Musik. Das ist ja eines der herausragenden Phänomene beim Tangotanzen.
2 schnelle Schritte und im Kontrast 1 langsamer: für mich ist das - gut getanzt - ein phantastischer "synchroner Kontrast". Was für ein raffinierter Tanz, der so scheinbar einfach daherkommt!
O.k., zu diesem Spiel gehört dann schon ein bisschen Übung. Mit guten Lehrern muss das aber nicht mit "Blut, Schweiß und Tränen" einhergehen.

cassiel hat gesagt…

[Leider bin ich gerade beruflich etwas gestresst - das übliche Theater vor dem Jahresende, daher kann ich nur kurz und knapp auf die weiteren Kommentare eingehen. Sorry.]

@Rainer: Die zirpenden Grillen sind ebenfalls ein weiteres Beispiel für die durch Resonanz entstehende Synchronität. Es freut mich, wenn Dir der Text etwas gesagt hat.

@Snnop: Vielen Dank für Deine Zeilen. Ich versuche aber noch zwischen Synchronität (also dem Endzustand einer Resonanz) und dem Weg dahin (also dem Prinzp der Resonanz) zu unterscheiden. Möglicherweise habe ich das im Artkel nicht deutlich genug ausgearbeitet. Mir war es wichtig, diese Synchronität nicht als etwas Zufälliges zu beschreiben. Wenn man die Art und Weise wie man tanzt um dem Gedanken der Resonanz erweitert, dann wird es für mich etwas strukturierter (es gibt dann immer noch genügend Hindernisse auf dem Weg dahin).

@haribold: Ich mag Dich ja nur ungern enttäuschen, aber die Überlegungen sind weder mystisch noch esoterisch. Das sind eigentlich alltägliche Werkzeuge von Soziologen. Auch das Arbeiten mit Modellen haben wir häufig im Leben. Ein Architekt zeigt seinem Bauherrn ein Modell des zukünftigen Eigenheims. Ein Meteorologe kann nur dann eine Wettervorhersage machen, wenn er ein feines Modell und sehr viele aktuelle Daten hat. Wirtschaftwissenschaftler arbeiten ebenso gerne mit Modellen. Und Deine zentrale These, das Gefühl im Tango hieße Musikalität, kann ich so überhaupt nicht teilen. Das sind in meinem Verständnis komplett unterschiedliche Bereiche. Und der Tango, den ich kenne, ist gewiss nicht„"Blut, Schweiß und Tränen" – da wird es mir zu martialisch. Wir sind doch hier nicht in einer militärischen Grundausbildung. Trotzdem vielen Dank für Deine Zeilen. Ich schätze es sehr, abweichende Erklärungen zu lesen, auch wenn ich sie manchmal überhaupt nicht nachvollziehen kann.

@Martina: Sehr schön! :-) Vielen Dank für Deine Rückmeldung und viele schöne Tandas

@castillo: Du hast mir die Arbeit abgenommen. "asynchrone Schritte" im Tango sind insofern eine Ausnahme, weil hier ein Begriff mit Bedeutungen doppelt besetzt wird. Auch bei asynchronen Bewegungen (zur Musik natürlich) gibt es Resonanz und es setzt irgendwann Synchronität ein. Sonst könnte ja nie ein Wechsel vom gekreuzten ins parallele System (und zurück) erfolgen. Da fehlt einfach ein besserer Begriff um das deutlich zu machen.

Allen Kommentierenden vielen Dank.

Andreas K hat gesagt…

Mit meinem Vorschlag der Musik als dritten Resonanzpartner hab ich mich vielleicht ein wenig weit aus dem Fenster gelehnt, zugegeben :-) Die Musik ist der dominante Part (auch bei Livekonzerten - ich glaube nicht, daß Queen schneller spielen nur weil das Publikum tobt). Aber grundsätzlich bleibe ich bei meiner Aussage (vielleicht sehe ich auch die Resonanz physikalisch nicht ganz korrekt) und da ich gerade von einer Milonga komme, auf der ich mal wieder mit gleich mehreren Anfängerinnen getanzt habe, möchte ich meine Ansicht dazu ein wenig spezifizieren.

Wie vermutlich die meisten Tänzer, versuche ich mich als erstes auf meine Tanzpartnerin einzustellen. Ich versuche hinzuhören und zu -fühlen, wie sie die Musik "hört", interpretiert bzw. auch nur den Takt trifft oder mangels Technik eben nicht ganz. Wenn nötig, tanze ich ihren Takt, selbst wenn er für mein Dafürhalten neben der Musik ist - und möchte mir auch nicht anmaßen, das immer besser zu wissen. (Nur bei echten Anfängerinnen lasse ich es und schalte auf Dogma-Modus, das funktioniert in diesen Fällen besser.) Kurz: ich lasse mich bewußt von der Partnerin beeinflussen und erst wenn wir im gleichen Takt schwingen, Synchronität hergestellt ist und gegenseitiges Vertrauen, läßt sich die Synchronität mit der Musik herstellen. (Damit meine ich nicht, endlich den Takt zu treffen.) Insoferne betrachte ich die Musik als dritten Partner. Idealerweise gelangen wir nach 30 Sekunden dahin, aber das ist ein Glücksfall. Erst dann kommt für mich die Ronda hinzu, wie Snoop schreibt, leider eher selten und wenn es funktioniert, ein großartiger Abend.

Im Prinzip gebe ich Haribold recht, es so richtig wie trivial und gar nicht esoterisch. Aber die asynchronen Schritte setzen erst mal Synchronität voraus, sonst klappt es damit gar nicht. Und bei der Musikalität gehen die Meinungen halt weit auseinander, da kenne ich Tänzer, die halten sich allen Ernstes für sehr musikalisch... Vielleicht ist die Musikalität ja doch auch eine Geschmacksfrage? Die Resonanz ist es jedenfalls nicht. Wenn zwei oder sogar mehr im Gleichklang schwingen, ist es gut.

cassiel hat gesagt…

@Andreas K: Ein „zu weit aus den Fester lehnen“ kann es nach meiner Meinung gar nicht geben. Wir tauschen hier doch nur Gedanken aus bzw. entwickeln neue Ansätze. Schön, dass Du Dir die Mühe gemacht hast, noch einmal zu schreiben und zu konkretisieren.

Ich will versuchen, meine Vorstellung von Resonanz etwas anders zu beschreiben. Die slowenischen Tangolehrer Alja Ferme und Saso Zivanovic hatten in ihrem Unterricht einmal eine interessante Übung: Die Tanzpaare tanzen einen Tango und auf Zuruf der Lehrer wechselte der oder die Vorschlagende zwischen technisch einwnadfreiem Tanzen und Tanzen mit Energie bzw. Feedback für den oder die Interpretierende. In einem weiteren Tango ging der aktive Part des Wechselns (dieser Energie) auf den oder die Interpretierende über. Das didaktische Ziel war es, den Unterschied zwischen einem technisch sauberen Tanz und einem Stil, in dem man (egal in welcher Rolle) Impulse gibt – sich spürbar macht. Das war eine tolle Übung, denn die Unterschiede sind gewaltig.

Mir ging es in meinen vorangegangenen Kommentar darum, dass die Musik vom Tonträger sich ja nicht ändern kann. Die wurde vor mehr als einem halben Jahrhundert eingespielt. So war meine Äußerung gemeint: Resonanz ist der Mechanismus, der schließlich zu Synchronität führt.

Musikalität ist für mein Empfinden auch keine Geschmacksfrage. Aber es gibt eben nicht nur eine oder die Musikalität. Ganz große Könner tanzen auch beispielsweise unterschiedliche Instrumente oder Instrumentgruppen. So kann z.B. der oder die Führende das Klavier tanzen und der oder die Interpretierende tanzt die Geigen.

Ich bedanke mich noch einmal für Deinen weitern Kommentar und wünsche Dir und allen anderen Mitlesenden frohe und schöne Weihnachtstage. Ich gehe jetzt auf den Wochenmarkt zum Einkaufen.

Anonym hat gesagt…

Ha ha.....der Riedel hat es richtig geschrieben. Den ganzen Quatsch braucht man nicht, wenn man tanzen kann.

ttp://milongafuehrer.blogspot.de/2017/12/resonanz-auf-dem-ponyhof.html

Hast du es gelesen?

cassiel hat gesagt…

„Hast du es gelesen?“

… jetzt, ja …

castillo hat gesagt…

@cassiel
Habe es nicht gelesen, und werde es nicht lesen.
Dein Weg ist richtig!

Anonym hat gesagt…

Ging irgendwie kaputt, also nochmal.
Hier wird der Tango auf Rhythmus und Tankt reduziert, dafür gibt es die Milonga. Diese Reduzierung resultiert zu oft in Rennerei im Tango, die mit Tangogehen nichts zu tun hat. Es macht ebenso die musikalischen Unterschiede der Orchester obsolet. Es gibt noch Sänger, Melodie, tragende Instrumente das sollte der Tango sein nicht das Bamm babamm und gibt dem Tango Ruhe auch tänzerische Qualität allerdings ebenso die Herauforderung

Gruesse Bert

cassiel hat gesagt…

@Bert 

„Hier wird der Tango auf Rhythmus und Tankt reduziert […]“

Da habe ich mich wohl missverständlich ausgedrückt. Mit dem physikalischen Modell des Metronoms habe ich versucht, die Resonanz zu verdeutlichen. Selbstverständlich wollte ich nicht den Tango auf Rhythmus und Takt reduzieren. Möglicherweise habe ich das nicht deutlich genung herausgestellt. Vielen Dank für Deinem Kommentar, der mir die Gelegenheit gibt, diesen Umstand noch einmal deutlich zu formulieren.

Viele Grüße

Bagualita hat gesagt…

Danke für diesen anregenden Artikel zur Resonanz im Tango!

Wenn ich in Resonanz bin, so kommt zur Ruhe, was schon G. + R. Dinzel beschreiben: ....“die heftige Sehnsucht nach Freiheit“.

Resonanz findet auf einer tiefen, leiblichen Ebene statt, jenseits von Denken.
Es gibt m.E. Bedingungen, welche Resonanz eher möglich machen. Übrigens nicht nur im Tango!
Der Tango führte mich durch viele Stationen, bis ich – ohne das Ziel zu kenne – Resonanz fand.
Interessante „Spiel-Räume“ im Tango waren unter anderen:
• Nähe/Distanz: Beobachten und herausfinden was eigentlich geschieht, wenn wir im Tango in engen (Ober-)Körperkontakt gehen. Was machen wir energetisch mit unseren Grenzen? Wie wahre ich meinen Raum IM gemeinsamen Raum? Was ist anders in welcher Rolle? Wo findet die Berührung statt, wo die Energieübertragung? Den „Raum dazwischen“ entdeckt, das „Licht“ gem. Dinzels? Oder: Eigenständigkeit in Beziehung.
• Technik: Beobachtet, dass eine „saubere“ Technik hilft, entspannt und vertrauensvoll in Kontakt gehen zu können. Darum irgendwann und immer wieder den Tango auf das „einfache“ Gehen zu zweit reduziert.... es gab genug zu ergründen! Modus und Inhalt/Erleben bedingen sich im Tango, finde ich.
• Aufmerksamkeit: wo ist sie... wirklich?! Über eher simple Anfänge und Meinungen hinaus und über die ständige, leise Frage „... ist das so?“ weiterexperimentiert.
Ein Beispiel: als „Folgende“ begonnen, die Musik zu tanzen und schlicht zu vertrauen, dass ich „die Führung“ schon richtig spüre (den vorgeschlagenen Weg auf meine Weise gehe). Was an der Qualität verändert sich, wenn ich als „Führende“ buchstäblich „ein Selbstläufer“ bin oder wenn ich „mit den Füssen der Folgenden“ tanze? Oder....?
• Die Sache mit der Zeit: beobachtet, wie viel mehr Freiheit ich in der „Folge-Rolle“ bekomme, wenn der/die „Führenden“ präsent ist und deshalb klar (oder in seiner Unklarheit klar;-). Ich kann auf die Intentions-Energie eingehen, meine „Zeiträume“ gestalten... und weil der/die „Führende“ so präsent ist, auch eigene Impulse setzen, die aufgenommen werden oder nicht.... ebenfalls wieder spürbar in schnellem Wechsel. Alles geschieht im Bruchteil des Momentes. Die messbare Zeit verschwindet, resp. die Musik gibt den Rahmen für „die Zeiten“.

Das Thema der „Resonanz“ finde ich auch anderswo, z.B. bei Martin Buber, wenn er schreibt: „Die Getreuen des dialogischen, des flügelstarken Eros erkennen das geliebte Wesen. Sie erfahren dessen eigentümliches Leben in schlichter Gegenwart: nicht wie ein gesehenes und getastetes Ding, sondern von den Innervationen zu seinen Bewegungen her, von dem „Innen“ zu seinem „Aussen“ her. Damit aber ist nicht anderes gemeint als die bipolare Erfahrung; ja mehr als ein Sichhinüberschwingen im Nu, - ein ruhendes Zugleich.“

Dialog ist Dialog, ein gelungener ist ein gelungener – in jeder Form von „in Kontakt gehen“, besonders aber im Tango. Für mich kommen nirgends alle Freuden und Herausforderungen des Menschlichen so lustvoll und unendlich reich zusammen wie in diesem Tanz.
Und ganzganz am Schluss noch: „Die Einsamkeit zu zweit“ erlebe ich auch nirgends so traurig, – auch wenn sie nur eine Tanda lang dauert. Und da ist sie wieder: ... die heftige Sehnsucht....“

Ich freue mich, dass ich die Tangoplauderei entdeckt habe. Besser spät als nie – oder einfach im richtigen Moment!?

cassiel hat gesagt…

Vielen Dank für den ausführlichen Kommentar. So macht mir Bloggen Spaß. Ich freue mich, wenn meine Texte zu weiterführenden Gedanken anregen. Mir fehlt im Moment nur leider die Zeit, nun inhaltlich näher auf die Gedanken einzugehen. Ich verschwinde nämlich jetzt für zwei Tage in die Berge. Kein Internet, kein Telefon … nur Ruhe. :-)

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern einen guten Jahreswechsel und ein fantastisches 2018 mit vielen schönen Begegnungen, traumhaften Tandas, Gesundheit Glück und erfüllte Zeit.

Bis nächstes Jahr!

c.

Andreas K. hat gesagt…

@cassiel - Du schreibst oben "zwischen einem technisch sauberen Tanz und einem Stil, in dem man (egal in welcher Rolle) Impulse gibt – sich spürbar macht"

Das verstehe ich nicht, was soll das bedeuten? Ist es technisch unsauber, wenn einer der Partner Impulse gibt? Was wäre denn dann "technisch sauber"?

Für mich ist Führen = 50% Folgen, ich versuche natürlich, möglichst klar zu führen, aber letztendlich folge ich meiner Partnerin möglichst genau dorthin, wo sie landet, nachdem sie meinen Führungsimpuls interpretiert hat. Wenn ich einen guten Tag habe, sogar dorthin, wo ihre (gerade eben nicht 100%ig sauber transferierte) Achse es benötigt.

Wir wollen ja miteinander tanzen. Und ich freue mich stets, wenn eine Partnerin nicht nur still folgt, sondern mir klar zeigt, wie sie die Musik hört und interpretiert. Das sind genaugenommen Führungsimpulse von ihr, mehr den Takt betreffend, weniger die Richtung. Manche gute Tänzerinnen tun das durchaus sehr selbständig - was ich sehr spannend finde, schwächere kann man dazu ermuntern - was in der Regel dazu führt, daß die Damen selbstbewußter und damit besser tanzen. Ist das nun technisch unsauber?

cassiel hat gesagt…

@Andreas K 

Schön, dass Du noch einmal nachfragst, möglicherweise habe ich es weiter oben (Kommentar [#14]) missverständlich formuliert. Ich habe dort in der Tat von technisch einwandfreiem Tanzen geschrieben und von der Übung in dem Workshop erzählt, den Tanz dann zusätzlich mit Energie bzw. Feedback zu erweitern. Jetzt bemerke ich, dass man meine Zeilen auch so verstehen kann, als wäre Energie bzw. Feedback ein Gegensatz zu technisch einwandfreiem Tanzen. So habe ich es nicht gemeint. Ich denke eher, es ist ein zusätzliches Merkmal. Es ist eine hinzukommende Qualität – technisch einwandfreies Tanzen ist die Basis. Die Energie oder vielleicht auch: musikalische Intention kann noch einmal hinzukommen.

Ich hoffe, diese Zeilen konnten jetzt verdeutlichen, wie ich es gemeint habe.
Schönes WOchenende :-)