Sonntag, 10. Januar 2010

Das "Testament" von Pedro Alberto "Tete" Rusconi

Sonntagvormittag: Ich sitze auf meinem Sofa und draußen schneit es. Der rieselnde Schnee absorbiert alle Geräusche einer Stadt. Aus den Lautsprechern tönt Tu, el cielo y tu (Carlos di Sarli, Alberto Podestá); ein Tango mit einem Text, der mir diese Tage sehr nahe geht. Diese Woche war es dann doch etwas zu viel Tod im Tango. Über Tango-L kamen die Nachrichten, daß Pedro Alberto "Tete" Rusconi und Osvaldo Zotto verstorben sind und in meinem privaten Umfeld erreichte mich die Nachricht vom viel zu frühen Tod einer Tanguera.
Ich bin nicht besonders begabt irgendwelche tröstlichen oder gar würdigende Worte zu formulieren, aber drüben bei Tango Chamuyo fand ich den Ausschnitt eines Briefes, den Tete anlässlich seines Geburtstages vor vier Jahren auf den Milongas verteilte.


Ich lese diese Zeilen wie sein Testament und ich veröffentliche gerne den Ausschnitt hier in einer Übersetzung.

Ich glaube, daß viele den Tango als etwas verkleiden, was er nicht ist. Tango ist Musik, und die beginnt nicht mit Schritt[folg]en. Wir sollten nicht dem Fehler verfallen, nicht zu lehren, wie man verschiedene musikalische Rhythmen geht, wie man jedes Orchester erkennt. Viele, die unterrichten, müssen zuerst lernen, wie man Tango tanzt, dann sollten sie alles geben, damit sie nicht ihre Schüler betrügen oder ihren Ruf als Lehrer beschädigen.


Tango ist kein Geschäft, obwohl viele es als solches sehen. Tango ist Teil unseres Lebens, ein Teil unserer Großeltern, Väter, Mütter, Brüder und Freunde. Es ist unser Leben. Wir sollten uns nichts vormachen, und wir müssen zurück, um es wieder zu erlangen. Wir verlieren den Tango, wenn wir ihn nicht respektieren.


Und der Tango-Community in Europa und dem Rest der Welt gebe ich meinen Rat: Ich möchte Euch die Augen öffnen, tanzen zu lernen. Und an die Organisatoren von Workshops und an die Lehrer: Mit all meiner Hingabe will ich, daß Ihr wisst, wenn Ihr etwas organisiert, versucht bitte, die besten Tänzer und Lehrer zusammen zu bringen damit der Tango so gelehrt wird, wie er gelehrt werden sollte. Ohne die Musik, den Rhythmus, Haltung und Gleichgewicht, sind die Schritte nichts und dafür brauchen wir authentische Meister und Lehrer.

[Ich gehe davan aus, daß der Text bereits aus dem Spanischen übersetzt wurde. Deshalb habe ich sehr nah an der englischen Quelle übersetzt; schließlich möchte ich die Gedanken nicht unnötig weitergehend verfälschen.]

Und vielleicht noch ein kleiner Gedanke zum Schluß: Diese Menschen sind nicht weg, sie sind uns nur voraus...

5 Anmerkung(en):

Raxie hat gesagt…

Lieber Cassiel,

was für ein wunderbarer Text. Es ist praktisch eine Kurzzusammenfassung Deines Anliegens hier in Deinem Blog. Zumindest habe ich es so gelesen.

Aber, lieber Cassiel, lies ihn nochmals aufmerksam. Verharre ein wenig bei "Tango ist Teil unseres Lebens [...], Tango ist unser Leben."

Das ist in meinen Augen kein Testament. Es ist für die Lebenden geschrieben - nicht zuletzt hat er es auch für sich selbst geschrieben. Ich persönlich meine, dass man die Aussage "Tango ist unser Leben" sogar verkürzen kann zu "Tango ist Leben".

Und ich bin auch überzeugt davon, dass Tangotänzer ein intensiveres Leben leben, als viele andere Menschen. Wer sich wirklich auf den Tango einlässt, öffnet sich für so viele Dinge, die im Inneren einer jeden Person schlummern. Der Tango holt sie ans Licht. Er ist ein Lebensgeschenk, wie ich meine. Und alle, die ihn für sich haben entdecken dürfen und in ihm haben leben dürfen, sind bereichert. Und im besten Falle sind diese Tangueras und Tangueros uns glücklich vorausgegangen, weil sie so wertvolle Dinge durch den Tango im Leben erfahren durften.

Tango ist Leben.
Gehen wir weiter tanzen. Das würde Tete mit Sicherheit auch wünschen.

Danke für Deine sensible Textauswahl Cassiel.

cassiel hat gesagt…

@Raxie

Wie schön Du schreibst. Erinnerst Du Dich noch, wie ich mal geschrieben habe, mir geht es um Achtsamkeit und Ernsthaftigkeit im Tango? Du hast damals ungläubig nachgefragt (ich bin gerade zu faul zum Suchen, aber es war mein Eigeninterview - das war im Juli oder August lezten Jahres).

Natürlich ist Tango Leben. Da schließt sich aber unmittelbar die Frage an: Wie (und wie bewußt) leben wir. Solche Momente wie heute betrachte ich als äußere Denkanstöße, meinen Weg noch einmal zu überdenken und ggf. zu korrigieren.

Und natürlich werden wir alle weiter tanzen gehen. Schließlich ist der Tango der Weg, wie wir diese Widersprüche aushalten können.

Ich war heute abend mit vielen Menschen zusammen, die es sich mit den Realitäten des Lebens bequem gemacht haben. Mal kann ich sehr gut damit umgehen - zu gewissen Zeiten kostet mich dann der Kontakt sehr viel Kraft. Heute war ein anstrengender Abend. Um mich nicht mißverständlich auszudrücken: Ich achte jeden Menschen und ich achte auch die Freiheit des Einzelnen, sich an die Begrenztheiten im Leben anzupassen. Nur ganz selten meldet sich eine Stimme in mir und fragt: "Bist Du nicht eigentlich verpflichtet, mal etwas zu sagen?"

Ich gebe aber gerne zu: Das ist meine Sict der Dinge... man kann das auch entschieden anders sehen.

sweti hat gesagt…

„Tango ist Musik…“
„Ohne die Musik, den Rhythmus, Haltung und Gleichgewicht, sind die Schritte nichts und dafür brauchen wir authentischen Meister und Lehrer.“
„Tango ist kein Geschäft… Wir verlieren den Tango, wenn wir ihn nicht respektieren.“
Oh, wie wahr… Diese Zitate kann man (fast) jeder Tangolehrer zw. BsAs und St. Petersburg unter die Nase halten.
Danke, Tete, ich liebe deine Authentizität…

Anonym hat gesagt…

Diese Zeilen habe ich gerade im Internet gefunden. Besser kann man es wohl nicht formulieren:

 
Dann sagte er, heute abend gehen wir auf eine Party und deswegen müssen wir jetzt schon gute Energie sammeln. Sonst kommen wir dort an, und sind so schlaff wie die anderen, dann ist die Party langweilig und wir gehen gleich wieder. Jeder muss ein bischen mehr Energie mitbringen, als er für sich selbst benötigt - um diese auszustrahlen und zu verschenken. Dann wird jeder Tag unseres Lebens eine Fiesta! So hat Tete in der - und für die Milonga gelebt. Das ist das Erbe, das er der Tango Gemeinde hinterlässt. Jetzt sind wir (alle) dran, die Milongas mit unserer Energie zu elektrisieren.

cassiel hat gesagt…

Gerade habe ich eine eMail aus Buenos Aires bekommen. Nachstehend veröffentliche ich den kompletten offenen Brief auf spanisch, den Tete Rusconi vor vier Jahren auf den Milongas verteilt hat. Ich denke, eine Veröffentlichung ist in seinem Sinne.

Hoy, 9 de enero de 2006, quisiera pasar a pedirles algo con el cariño y respeto que siento por todos ustedes. Esto no es un reproche para nadie, lo que quiero es que toda la juventud y toda la gente que baila tango entienda mi motivo: no hay que disfrazar al tango bajo ningún punto de vista, porque esta música tan apasionante nos da vida, energía, placer y de esta forma nos sentimos mejor.

Después de muchos años de ver bailarines y maestros, pienso que no puede haber tantos errores en la enseñanza y en las exhibiciones. Paso a contarles cuál es mi idea. Siempre supe que la música es la base principal del tango. También es aprender a caminar con ella, teniendo equilibrio y cadencia.

No podría decirles que no hay una técnica cuando se baila, pero sí sería mejor que se enseñara a bailar más libremente, para uno mismo... ahí está la diversión... Nadie nos compromete mirándonos, porque bailamos para nosotros.

En esto que digo, pienso que muchos están disfrazando al tango de algo que no es verdad, porque el tango es música y no empieza por los pasos, ni tenemos que cometer el error de no enseñar cómo caminar diferentes compases musicales para recorrer cada orquesta. Mucha gente que está enseñando tendría que aprender primero a bailar tango, para poder enseñar dando todo de sí mismo, para no defraudar a sus alumnos ni dañar su imagen como profesor.

El tango no es un negocio, aunque muchos lo vean así. El tango es parte de nuestra vida, parte de nuestros abuelos, padres, hermanos y amigos.

Es nuestra vida. No deberíamos equivocarnos tanto y tendríamos que volver a conquistarlo, ya que lo estamos perdiendo por no respetarlo.

Queridos amigos, bailarinas y bailarines, como esto que hacen es un trabajo más en la vida de uno, por respeto a ustedes mismos, en sus exhibiciones sería bueno que bailaran más tango y menos acrobacia, ballet o cualquier cosa que no sea tango. No quiero creer que también con las exhibiciones compiten; sabemos que cada pareja debería crear su propio estilo, y además no se debería bailar música que no es tango. En eso no se mientan a ustedes mismos ni a la gente.

Y para la comunidad tanguera de Europa y del resto del mundo les doy un consejo: me gustaría que abrieran los ojos acerca de cómo aprender a bailar, principalmente a los organizadores de stages y a los profesores, con todo mi cariño, quiero que sepan que, cuando se organiza algo, se trata de llevar los mejores bailarines y maestros, para poder enseñar como es debido.

Sin la música, la cadencia, la postura, el equilibrio de nada sirven los pasos y para eso necesitamos maestros y profesores auténticos. Así que bueno, desde el fondo de mi corazón, con un poco de tristeza, me gustaría que ustedes lo piensen y, si hay algo para decirme, me gustaría que lo hicieran, ya sea por medio de la revista o por donde sea, si quieren quejarse, háblenme, yo voy al baile: me ven, me dicen, me preguntan y yo contesto... Les voy a contestar a todos, no tengan miedo, que no voy a dejar a nadie sin contestar, pero por favor cambien el sistema, pongan un sistema donde todos son alegres, donde podamos bailar el tango, donde seamos felices y donde podamos tener mucha mas gente, sin venderle ninguna mentira más, desde ya les mando un beso y un abrazo a todos ustedes y espero que este año que ha empezado sea el más feliz para todos.
Gracias,
Tete Rusconi